ZÜRICH - Pharma-Firmen stellen die Profitgier über die Patientensicherheit und verschweigen oder beschönigen mehr als die Hälfte ihrer Medikamenten-Studien.

Sind diese Pillen überhaupt wirksam? Oder gar gefährlich? Pharmariesen verdrehen die Fakten mit der Unterschlagung oder falschen Publizierung von Medikamenten-Studien. (Keystone)

Unglaublich und gefährlich
: Bei neu zugelassenen Medikamenten publizieren Pharmariesen bis zu 60 Prozent der Forschungsstudien nicht oder nicht richtig. Das zeigt eine neue Studie des renommierten Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. «Das gezielte Publizieren eher positiver Studien oder aber auch das falsche Publizieren von Studien ist ein häufiges Phänomen», sagt Thomas Kaiser, Leiter der Abteilung Arzneimittelbewertung beim IQWiG in der heutigen «Kassensturz»-Sendung.

Aus wirksam wird wirkungslos
Ein Beispiel ist laut der Sendung das neue Antidepressivum Edronax des US-Konzerns Pfizer. 2009 kritisierte das IQWiG, dass Pfizer bei Edronax zwei Drittel der erhobenen Daten unter Verschluss halten würde. Erst auf externen Druck hin habe Pfizer den Wissenschaftlern am IQWiG auch die nicht veröffentlichten Studien zu Edronax zur Verfügung gestellt, sagt Kaiser.

«Wenn man sich alle Daten anschaut, hat Edronax keinen Beleg für einen Nutzen mehr, aber für einen Schaden, während die publizierten Daten das Gegenteil nahelegen», erklärt Kaiser. Pfizer widerspricht dieser Darstellung. Pfizer habe schon auf die ursprüngliche Anfrage hin die für eine Nutzenbewertung relevanten Daten übermittelt und dann zusätzliche Daten zur Verfügung gestellt. Das Medikament sei wirksam.

Edronax, Tamiflu, Vioxx
Die Liste der Medikamente, bei denen nicht alle Daten veröffentlicht wurden, ist lang. Auf dieser sind das Grippemittel Tamiflu oder das 2004 vom Markt genommene Schmerzmittel Vioxx zu finden.

Peter Jüni, Professor am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern, ist ein international renommierter Experte für die Auswertung von Medikamentenstudien. Als Grund für das selektive Publizieren von Studien ortet er finanzielle Interessen der Pharmakonzerne. «Es fliesst natürlich sehr viel Geld in die klinische Forschung von solchen Firmen», sagt Jüni: «Der Umsatz eines Medikaments von vielleicht einer Milliarde US-Dollar könnte auf die Hälfte oder ein Viertel zusammenfallen, wenn die Resultate einer bestimmten Studie nicht das zeigen, was man erwartet.»

Schlimme Folgen für Patienten
Als Reaktion auf den Vorwurf, sie würden unliebsame Studien unterschlagen, sagen verschiedene Pharmafirmen, sie würden heute alle klinischen Studien auf ihrer Webseite publizieren. Die Vereinigung der Pharmafirmen in der Schweiz betont, dass die Pharmaunternehmen gesetzlich verpflichtet seien, gegenüber den Zulassungsbehörden sämtliche Daten offenzulegen.

Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen, warnt, dass das Verheimlichen von negativen Studienresultaten schlimme Folgen für Patienten haben könnte: «Ich finde es unhaltbar, dass Studien mit negativen Resultaten in der Schublade verschwinden. Und zwar vor allem deshalb, weil man Patienten durch die Weitereinnahme dieser Medikamente einer Gesundheitsgefährdung aussetzt.»

Experten, wie auch Swissmedic, fordern deshalb, dass sämtliche klinischen Studien in ein öffentliches Register eingetragen werden müssen. So würde verhindert, dass Hersteller unangenehme Studien verheimlichen.