>> BONi verleiten Aerzte zu unnötigen Eingriffen - Dominik Balmer , Sonntagszeitung

Das Bild von den Spitälern ist verklärt. Chefärzte gelten als "Götter in Weiss", die nur das Beste wollen für ihre Patienten. Doch auch Chefärzte sind Menschen, die Geld verdienen müssen. Das ist legitim. Problematisch sind die Anreize. Spitaldirektoren schreiben ihren Aerzten Mengenziele vor und dagradieren sie dadurch zu Akkordarbeitern. Nur wenn die Chefärzte die Ziele erreichen, gibt es einen Bonus. Immer mehr Spitäler schwören auf das Bonus-Lohnsystem.

Die Folgen dieser Geldscheffelei sind gravierend: Es besteht die Gefahr, dass Patienten eine Behandlung erhalten, die aus medizinischer Sicht nicht notwendig ist - nur damit die Spitäler ihre Fallzahlen erreichen und ihre medizinischen Geräte amortisieren können. Wenn Aerzte dabei unnötige Operationen vornehmen, grenzt dies an Körperverletzung. Hinzu kommt, dass durch die Mengenausweitung in den Spitälern die Medizin generell immer teurer wird. Das zahlt schlussendlich die Allgemeinheit über Steuern und Krankenkassenprämien. Als besonders mengenanfällige Eingriffe gelten dabei vor allem Knie-, Hüft- und Rückenoperationen.


>> Viele Eingriffe am Herz sind unnötig

Die Zahl der Herzgefässbehandlungen mit Katheter und Stents hat sich seit 2002 verdoppelt. Urs Kaufmann, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie, sagt, ein Teil dieses Anstiegs habe nicht primär mit dem Wohl des Patienten zu tun. Es steckten auch wirtschaftliche Gründe dahinter. Die Kardiologen kämen zunehmend unter Druck von Spitälern, ihre neuen Labors rentabel zu machen. Der SonntagsZeitung liegt eine Leistungsvereinbarung einer Klinik vor, die von ihren Kardiologen über fünf Prozent mehr Behandlungen im Jahr verlangt. Dass sie medizinisch sinnvoll sein müssen, steht nicht darin. Heute nehmen die Spitäler 300 Millionen Franken allein mit Stent- Eingriffen ein, bezahlt mit unseren Steuern und Prämien.


>> Unnötige Operationen

Bei 80 Prozent der Eingriffe ist unklar, ob sie etwas bringen. Gemacht werden sie trotzdem. Holen Sie eine zweite Meinung ein, ehe Sie sich operieren lassen

Anders als bei der Arzneitherapie, wo neue Wirkstoffe erst ausgiebig getestet werden, etablieren sich in den chirurgischen Disziplinen viele Methoden oder Hilfsmittel, bevor sie systematisch erforscht wurden. «Vom Kreuzbandersatz bis zu Knorpelersatztherapien fallen mir etliche Eingriffe ein, die landauf, landab gemacht werden, obwohl ihr Nutzen nicht erwiesen ist. Aber auf etwas Liebgewordenes zu verzichten, das ist hart», stellt der Winterthurer Orthopäde Luzi Dubs fest. Er macht sich seit den 1990er-Jahren für mehr Wissenschaftlichkeit stark.

Bei Blinddarmentzündung könnte Antibiotikum helfen

Die Liste der offenen Fragen ist lang: Profitieren ältere Männer von der Operation ihres Leistenbruchs oder nicht? Wie behandelt man Oberarmbrüche bei Erwachsenen am besten? Leiden ältere Patienten weniger, wenn ein osteoporotischer, zusammengesackter Wirbelkörper mit Knochenzement aufgespritzt wird?

Selbst scheinbar banale Dinge sind unbekannt: Schneidet man den Bauch besser längs auf oder quer? Soll man ihn einfach zunähen oder ein Netz einlegen, das einem späteren Narbenbruch vorbeugen könnte? Und legt man dieses Netz gescheiter über oder unter die Bauchmuskeln?

Sogar bei der Blinddarmentzündung, spekulierten Forscher kürzlich im «British Medical Journal», könnte den Patienten mit Antibiotika vielfach womöglich besser gedient sein als mit dem Skalpell. «Es besteht ein Riesenhandlungsbedarf, nur schon um zu klären, bei welchen Rückenbeschwerden welche Operation nützt», stellt Bauer fest.

«In der Chirurgie gibt es viele Dinge, von denen man denkt, man müsse sie so machen», sagt Bernhard Egger von der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie. Mehr und mehr hinterfragen die Operateure ihre Methoden und bemühen sich um Studien. In Deutschland etwa hat die Gesellschaft für Chirurgie bereits 2003 ein Studienzentrum gegründet..

Kommen schliesslich Vergleichsstudien zustande, kommen die Ärzte oft auf die Welt. «Da gibt es einige Dinge, die sehr ernüchternd sind», stellt Bauer fest. Über 100 Jahre lang etwa wurden Kranke vor Darmoperationen mit Abführmitteln oder Einläufen traktiert, um Infektionen nach der Operation vorzubeugen. Doch dies «senkt die Komplikationsrate nicht und kann weggelassen werden», so das Fazit einer Vergleichsstudie.

Ein anderes Beispiel sind chronische Schmerzen nach einer Blinddarmoperation. Darmverwachsungen vermuteten die Chirurgen als Grund und lösten diese mittels Schlüssellochtechnik. «Ich habe selber solche Patienten operiert, manche waren schlagartig beschwerdefrei», erinnert sich Bauer. «Doch Studien haben klar gezeigt, dass diese Eingriffe keinen Vorteil bringen, aber mehr Komplikationen.» Trotzdem wird die sogenannte Adhäsiolyse weiterhin gemacht - und von den Krankenkassen bezahlt.

«Das Problem ist: Wenn man einen neuen Hammer hat, sieht plötzlich alles aus wie ein Nagel», warnt der Chirurg mit Blick auf die immer breitere Anwendung der Schlüssellochtechnik. Beim «narbenlosen» Entfernen der Gallenblase via Scheide etwa sei «durch nichts bewiesen, dass dies den klassischen Schlüssellochtechniken zumindest ebenbürtig ist.» Auch mögliche Langzeitschäden seien bisher nicht systematisch untersucht worden.

Manchmal aber erweisen sich die neuen Verfahren bei der Überprüfung auch als Segen. Ab den 1990er-Jahren benützten beispielsweise die Neurochirurgen zunehmend kleine Drahtknäuel, um bestimmte Blutungen aus Hirngefässen zu stillen. Mehr als zehn Jahre später lieferte eine Studie dann den Beleg, dass diese Kathetermethode dem älteren neurochirurgischen Eingriff oft überlegen ist.

Dem entgegen stehen jedoch finanzielle Interessen und Nöte. Auf Drängen deutscher Krankenkassenärzte soll zum Beispiel untersucht werden, ob die Gelenkspiegelung am Knie nützt. «Wenn dabei herauskommt, dass die Arthroskopie bei Kniearthrose nichts bringt, fällt rund ein Drittel der Operationen bei niedergelassenen Orthopäden weg, schätzt Edmund Neugebauer, Inhaber des Lehrstuhls für Chirurgische Forschung an der Universität Witten/Herdecke. Zwei Studien in Kanada und den USA stellten den Nutzen dieses Eingriffs bereits infrage.


>> US-Forscher: Viele Brustkrebs-Operationen nicht erforderlich

Viele Brustkrebs-Operationen haben bei Tumor-Patientinnen keine lebensverlängernde Wirkung. Im Gegenteil. Das belegen jetzt in den Vereinigten Staaten veröffentlichte Ergebnisse von Langzeitstudien. Auch die operative Entfernung von Lymphknoten bringt keine Vorteile, sondern meist nur Schmerzen und Probleme.

Jede zehnte Frau erkrankt in ihrem Leben an Brustkrebs. Einige Onkologen warnen schon seit Jahrzehnten vor radikalen Operationsmethoden bei Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind. Doch noch immer werden Frauen so operiert und auch häufig nicht ausreichend über die Folgen aufgeklärt. Das Umdenken der Mediziner dauert offenbar Jahrzehnte.

Eine neue amerikanische Studie könnte diesen Prozess nun beschleunigen. Die Waffen der schulmedizinischen Krebstherapie sind weithin bekannt und gefürchtet: Stahl, Strahl und Keule, so jene Kurzfassung, wie sie der streitbare Mediziner Professor Julius Hackethal einst knapp und prägnant wählte.

De facto prägen das chirurgische Messer, die radioaktive Bestrahlung und die Chemotherapie den üblichen Leidensweg eines Krebspatienten, wenn er sich für die Standardbehandlung entscheidet. Hierbei wächst die Angst vor der Therapie nicht selten über die Angst vor der Erkrankung hinaus. Und die Erfolge bleiben meist weit hinter den Erwartungen zurück. Häufig zeigt sich außerdem, dass weniger manchmal eben doch mehr sein kann – oder zumindest keine negativen Folgen nach sich zieht.


Bei Prostatakrebs empfehlen inzwischen viele Fachleute, besser nichts zu unternehmen, als sich auf eine lebenslängliche Qual einzulassen. Und bei Brustkrebs gelangten Mediziner im Laufe der Zeit zu ähnlichen Einsichten. Während von Mastektomien (Brustamputation) zunehmend abgesehen wird, finden Lymphknoten-Operationen auch weiterhin standardmäßig statt. Doch auch davon raten immer mehr Ärzte ab.


>> Holen Sie eine zweite Meinung ein, ehe Sie sich operieren lassen

Was Operationen anbetrifft, ist Deutschland Weltmeister: In keinem anderen Land wird so viel "geschnippelt" wie bei uns. Und der Trend zur OP steigt weiter an. Gab es im Jahr 2011 noch 15,3 Millionen Operationen in deutschen Krankenhäusern, so sollen es laut Hochrechnung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bereits 16,3 Millionen Eingriffe sein. Ganz vorne liegen dabei Operationen an Knien, Hüften und am Rücken. So wurden in Deutschland bezogen auf 100.000 Einwohner 698 Eingriffe an der Wirbelsäule vorgenommen - in Frankreich waren es lediglich 81. Noch heftiger sieht es bei den Kniearthroskopien aus: Hier haben wir dreimal mehr zu bieten als unsere Nachbarn. Dabei ist Studien zufolge jede zweite Operation überflüssig.

Doch nun haben sich einige Ärzte zusammengefunden, die zum Wohle der Patienten helfen wollen, unnötige Operationen zu vermeiden. Ehemalige Chefärzte im Ruhestand, die keinerlei finanziellen Profit mehr von Operationen haben, haben ein Internetportal gegründet, das objektiv über die besten Behandlungsmöglichkeiten informiert. Das Portal "Vorsicht Operation" ermöglicht es Patienten, vor einer geplanten Operation eine kompetente zweite Meinung einzuholen. Dazu füllen die Betroffenen einfach einen Fragebogen aus und können auch Röntgenbilder, Arztberichte oder Fotos hochladen. Innerhalb kurzer Zeit erhalten die Patienten dann den Rat der Experten. Und dieser Rat ist eindeutig: In 60 % aller Fälle raten die Ärzte von der Operation ab!