Behörden spielen Risiken für Konsumenten herunter - @saldo - von Eric Breitinger, Redaktion saldo

In Hunderten Lebensmittelproben fanden Kantonschemiker Pestizide, die für Bienen Gift sind. Sie können auch dem Menschen schaden. Die EU-Behörden warnen. Die Schweizer Ämter kümmerts wenig.

Seit Dezember sind in der Schweiz sechs Pflanzenschutzmittel für den Einsatz in Privatgärten verboten («K-Tipp» 19/13). Grund: Die Präparate enthalten einen von drei hochwirksamen Wirkstoffen gegen Schädlinge, die für das Bienensterben mitverantwortlich sein sollen. Wenige Milliardstel Gramm der Nervengifte können eine Honigbiene töten.

Zwei der Gifte können auch Menschen schaden, wie neuste Studien ergaben. Gestützt darauf warnte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit vor kurzem davor, dass die Schädlingsbekämpfungsmittel Imidacloprid und Acetamiprid das menschliche Nervensystem und die Gehirnentwicklung von Babys schädigen können. Die beiden Pestizide stehen zudem im Verdacht, krebserregend zu sein. Sie gehören zu den sogenannten Neonikotinoiden, die etwa 10 000 Mal giftiger sind als das berüchtigte Insektizid DDT. Sie bauen sich nur langsam ab. Agrochemie-Firmen tränken mit ihnen oft Saatgut. Das Gift verbreitet sich in der wachsenden Pflanze und gelangt so in die Lebensmittel. Die EU-Behörde fordert tiefere Grenzwerte für Rückstände solcher Stoffe in Lebensmitteln.

Das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit will die EU-Stellungnahme prüfen, beschwichtigt aber auf Anfrage von saldo: Schweizerische Behörden hätten nur «in wenigen Prozent» der untersuchten Lebensmittel geringe Rückstände von Imidacloprid und Acetamiprid nachgewiesen. Es bestehe keine Gefahr für die Gesundheit von Konsumenten.

Fast jede fünfte Probe enthielt einen der beiden Giftstoffe
Die Zahlen der Kantonslabors zeigen ein anderes Bild. So fanden die Zürcher Kantonschemiker letztes Jahr in 1200 untersuchten Proben von Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln 181 Mal Acetamiprid und 222 Mal Imidacloprid. Auch das Kantonslabor Bern entdeckte letztes Jahr in 180 Proben 24 Mal Imidacloprid und 11 Mal Acetamiprid, das Kantonslabor Aargau in 218 Proben 36 Mal Acetamiprid und 20 Mal Imidacloprid.

Die Kantonschemiker wiesen also in 15 bis 20 Prozent der Proben die Gifte nach. Ihre Konzentration gilt als harmlos – auch, weil die Schweizer Grenzwerte hoch sind. Im Zürcher Kantonslabor überschritten zehn Proben die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit geforderten Grenzwerte für Acetamiprid, drei Proben die für Imidacloprid. Die EU-Behörde will die zulässige tägliche Belastung auf bis zu einen Viertel der in der Schweiz erlaubten Konzentrationen senken. Laut dem Zürcher Kantonschemiker Rolf Etter wären dann vor allem bei Lebensmitteln wie Gemüse, von denen man grössere Mengen isst, «mehr Proben mit Gesundheitsgefährdungen» zu erwarten.

Der Verbrauch liegt bei jährlich je 500 Kilogramm
Es gibt keine Anzeichen, dass sich die Giftbelastung für Konsumenten reduzieren wird. Laut Bundesamt für Landwirtschaft kaufen Schweizer Abnehmer seit Jahren etwa 500 Kilogramm der beiden Gifte.

Das Amt weiss nach eigenen Angaben nicht, wo wie viel der Pestizide zum Einsatz kommen. Klar ist: Schweizer Bauern müssen seit Dezember auf mit den Pflanzenschutzmitteln vorbehandeltes Rapssaatgut verzichten. Acetamiprid können sie weiter im Obst- und Gemüsebau verwenden, Imidacloprid etwa bei Getreide, Kartoffeln und Mais. Im letzten Jahr waren nach Angaben der Zuckerfabriken Aarberg-Frauenfeld 95 Prozent des in der Schweiz verwendeten Zuckerrübensaatguts mit Imidacloprid behandelt.

Experten fordern mehr Konsumentenschutz: Marianne Künzle von Greenpeace fordert, dass «alle ­Anwendungen von Imidacloprid und Acetamiprid sofort verboten werden». Für Andreas Bosshard von Vision Landwirtschaft ist klar: «Der Pestizideinsatz in der Schweizer Landwirtschaft ist viel zu hoch. Die Folgeprobleme sind Gift für ihr Image.»