FASTFOOD / CONVENIENCE FOOD - "mit Nahrungsmitteln kann man viel Geld verdienen, solange man nicht versucht, diese natürlich wachsen zu lassen"
von Philipp Löpfe / Beobachter Natur

Stark verarbeitete Lebensmittel auf Maisbasis mit jeder Menge chemischer Zusätze sind als Hauptverursacher von Gewichtszunahmen bekannt. Aus der herkömmlichen Perspektive der Wachstumsbeiträge handelt es sich dabei um eine grossartige Sache, von der auf den ersten Blick alle zu profitieren scheinen: die Landwirtschaft von den Subventionen, die Nahrungsmittelverarbeiter, die mit dem Beimischen von ein paar billigen Chemikalien ein «suchterzeugendes und unwiderstehliches» Produkt herstellten, ebenso die Wissenschaftler, die Werber und auch die Gesundheitsindustrie, die sich mit der Behandlung der durch diese Ernährung verursachten Schäden eine goldene Nase verdient. Ausserdem sind stark verarbeitete Lebensmittel gut für die Situation am Arbeitsmarkt. Dumm bloss, dass eines auf der Strecke bleibt: die Gesundheit des Menschen.

Mais nimmt einen zentralen Platz in der Ernährung der modernen Gesellschaft ein. Er ist nicht nur ein Grundnahrungsmittel für die Ärmsten. Auch die Reichen essen immer mehr davon, wenn auch meist in indirekter Form. Etwa ein Viertel aller in den Supermärkten angebotenen Lebensmittelprodukte enthält Mais. Dazu gehören Frühstücksflocken und Süssgetränke, vor allem aber Fleisch. Denn viele Hühner, Schweine und Rinder fressen Kraftfutter auf Maisbasis.

Ökonomisch gesehen ist Maisanbau der billigste Weg, um Kalorien zu produzieren. Dank Düngemitteln aus Erdöl versorgt uns die industrielle Landwirtschaft mit dem günstigsten Lebensmittel aller Zeiten. Doch statt zu einem Segen wird dies zunehmend zu einem Fluch.

Denn mit billigen Kalorien allein macht man keine grossen Geschäfte. Nicht von ungefähr kursiert in der Lebensmittelbranche folgendes Bonmot: «Mit Nahrungsmitteln kann man sehr viel Geld verdienen, solange man nicht versucht, sie auf natürliche Art wachsen zu lassen.» Würde die Lebensmittelindustrie vorwiegend Frischgemüse und Getreide verkaufen, dann gäbe es weder Nestlé noch Coca-Cola. Das Getreide für unser Frühstücksmüesli kostet ein paar Rappen; Süssgetränke bestehen aus Wasser, Zucker und ein paar Geschmacksstoffen. Und Kartoffeln sind wirtschaftlich erst interessant, wenn sie zu Chips verarbeitet wurden.

Die New Yorker Ernährungswissenschaftlerin Marion Nestle (keine Verwandtschaft mit dem Schweizer Lebensmittelkonzern) zeigt in ihrem Buch «Food Politics» auf, dass die betriebswirtschaftliche Logik die Nahrungsmittelkonzerne geradezu zwingt, uns billige Kalorien in veredelter Form aufzudrängen. «Um unter diesen Bedingungen die Verkäufe zu erhöhen, machen Lebensmittelkonzerne Druck bei Regierungsstellen, schmieden Allianzen mit Gesundheitsberufen, bewerben Kinder, verkaufen Junkfood als Gesundheitsnahrung und sorgen dafür, dass Gesetze verabschiedet werden, die nicht mehr der Volksgesundheit dienen, sondern den Interessen der Konzerne», schreibt Nestle. Inzwischen hat das Missverhältnis von Angebot und Nachfrage groteske Ausmasse angenommen. In den reichen Ländern werden fast doppelt so viele Kalorien angeboten, wie die Menschen täglich benötigen würden. Wen wundert es also, dass fast die Hälfte unserer Nahrungsmittel im Abfall landet – und dass wir immer dicker werden !

Vorgefertigte Lebensmittel haben unser Verhältnis zur Nahrung verändert. Gegessen wurde einst, was auf den Tisch kam, gekocht von der Mutter, die selbstverständlich wusste, was gut für uns war. Heute ist Essen bedrohlich geworden, nicht nur für magersüchtige Mädchen. Wir alle diskutieren inzwischen darüber, was wir verzehren sollen und was nicht. Dabei geht es weniger um den Genuss als ums Dogma. So wie sich einst die scholastischen Kirchenväter darüber stritten, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz hätten, werden sich die Ernährungswissenschaftler nicht einig, ob wir nun zu viele oder einfach die falschen Kalorien essen. Der US-Journalist Michael Pollan hat dies in seinem Buch «Lebensmittel» trefflich formuliert: «Wir sind eine bemerkenswert ungesunde Bevölkerung geworden, die besessen ist von Ernährung, Diäten und der Vorstellung von gesundem Essen.»

In der 24-Stunden-Gesellschaft verbinden sich Lebensstil und Ernährung auf fatale Weise. Der moderne Mensch bewegt sich meist zu wenig. Dafür tut er es rund um die Uhr und rund um den Globus. Das hat zur Folge, dass er unregelmässig isst und zu wenig schläft. Für den Körper ist das eine Qual, denn biologisch gesehen ist der Mensch ein äusserst konservatives Wesen, das Konstanz über alles schätzt. Darum sind Nonnen die Menschengruppe mit der höchsten Lebenserwartung in der modernen Welt. Dass sie selten Lastern wie Rauchen und Trinken frönen, ist dabei weniger wichtig als die Tatsache, dass sie einen vorbildlich geregelten Tagesablauf haben.

Der typische Vertreter der 24-Stunden-Gesellschaft hingegen überfordert seinen Körper permanent. Bei ihm kommen verschiedenste Formen von ungesundem Stress zusammen und gehen unheilige Allianzen ein. So gibt es beispielsweise zwischen Schlafmangel und unregelmässigem Essverhalten einen empirisch belegten, signifikanten Zusammenhang. Wer zu wenig schläft, verzehrt häufiger Convenience-Food. Er isst in unregelmässigen Abständen oder vor dem Computer oder TV-Bildschirm. Diese Kombination fördert die beiden Volkskrankheiten unserer Zeit: Übergewicht und Depressionen.

Heisst dies, dass der Staat eingreifen muss, etwa mit Werbeverboten und einer Fett- oder Zuckersteuer? Das wäre, wie die jüngste eidgenössische Abstimmung über das Rauchen zeigt, politisch nicht durchsetzbar und zudem wenig sinnvoll. Unverständlich hingegen ist, warum niemand die Nahrungsmittelindustrie zu transparenter Information zwingt. Dabei liesse sich dies problemlos mit marktwirtschaftlichen Mechanismen vereinbaren. Man könnte sicher ein gesünderes Gleichgewicht erreichen, indem man die Öffentlichkeit besser informiert, so dass die Menschen fundiertere Konsum- und Politikentscheidungen treffen könnten.

Bisher haben die Hersteller erfolgreich verhindert, dass es für Convenience-Food ein einfaches Label gibt – beispielsweise Punkte in den Farben Grün, Gelb und Rot auf der Verpackung –, die auf einen Blick über die gesundheitlichen Aspekte des Inhalts Auskunft geben.

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