Früherkennungsprogramme bei Krebserkrankungen

"Das Dilemma, mit dem wir bei den Früherkennungsprogrammen bei Krebs konfrontiert sind, ist die Tatsache, dass wir bei den gefährlichsten Tumoren, die sich schnell im Organismus ausbreiten, nicht mal mit der besten Technik eine Chance haben, sie rechtzeitig zu finden ", erklärt der angesehene Präventionsfachmann Russell Harris von der Universität North Carolina. "Jene aber, die wir entdecken, sind oft harmlos und es wäre - speziell bei Prostatakrebs - meist besser, wenn wir gar nicht gesucht hätten".

> Krebsvorsorgeuntersuchung – Nutzen oder Wirkungslosigkeit?
Die Bevölkerung in Europa, besonders häufig die Menschen in Deutschland, überschätzt den Nutzen der Krebsfrüherkennung, insbesondere auch zum Thema Brustkrebs und Prostatakarzinom (Quelle: Newsletter des Deutschen Ärzteblattes vom 12.8.2009; Journal of the National Cancer Institute - JNCI 2009; 101: 1216-1220)

92 % von 10.200 Befragten in 9 europäischen Ländern überschätzen den Nutzen der Mammografie. Der Grund für die viel zu positive Bewertung der als Vorsorgemaßnahme gepriesenen Mammographie und PSA-Bestimmung (Prostata) liegt in beschönigenden Darstellungen in den Medien und in Broschüren von Gesundheitsorganisationen.

Dass durch die Mammografie tatsächlich weniger als eine von tausend Frauen an Brustkrebs stirbt, dafür aber weit mehr Frauen irrtümlich eine (falsche) Krebsdiagnose erhalten und an den Folgen daran zu leiden haben, wußten nur 0,8 Prozent der befragten deutschen Frauen. Die anderen hatten tatsächlich gemeint, die Mammografie rette eine von fünf Frauen mehr. Solche wissenschaftlich nicht belegten Zahlen werden ja in der Werbung und sogar in Ärztekreisen immer wieder behauptet.

89 % der Männer haben eine zu gute Meinung vom PSA-Test. Mehr als die Hälfte glaubt beim PSA-Test sogar an die etwa gleichen vermeintlichen Erfolgszahlen wie bei der Mammografie der Frauen. In Wirklichkeit sind es aber auch hier nicht ein Mann mehr als bei den Frauen, der von der Methode profitiert, und auch hier steht zahlreiches durch den PSA-Test erzeugtes Leiden gegen den (rein statistischen) Vorsprung.

Das Britische Ärzteblatt (BMJ 2009; 339: b3005) publizierte jüngst Forschungsergebnisse, die zeigen, dass beim Gebärmutterhalskrebs eine „Überdiagnose und Übertherapie“ stattfindet.

Die Abstrichuntersuchung an der Cervix sei bei jüngeren Frauen weitgehend ineffektiv. Es sei sogar nötig, Wege zu erforschen, wie Frauen mit positivem Testergebnis unnötige Folgeuntersuchungen erspart bleiben könnten. Diese Aussage stützt sich auf die Ergebnisse einer bevölkerungsbasierten Fallkontrollstudie: Über 4000 Frauen im Alter von 20 bis 69 Jahren, die an einem Zervixkarzinom erkrankt waren, wurden mit etwa 8000 gesunden Frauen verglichen, und es zeigte sich, dass nur bei den älteren Frauen ein Vorteil durch den Abstrich vorlag. Bei bis 24-Jährigen gab es keinerlei Vorteil, und bei über 25-Jährigen entwickelte sich ein erster statistischer Vorteil gegenüber den Frauen, die keinen Abstrich vornehmen ließen. Dieser wuchs bei 40-Jährigen auf 60 % an, bei 60-Jährigen auf 80 %. Dieses Ergebnis führte in den Fachkreisen in England zur Forderung, den vorsorglichen Muttermundsabstrich bei unter 25-Jährigen aus dem Programm zu streichen.

Gleiches gilt auch für den zusätzlich zum zytologischen Pap-Abstrich angebotenen HPV-Test. Gerade bei jüngeren Frauen ist die HPV-Infektion oft nur von kurzer Dauer. Wenn die Viren nicht im Körper bleiben, steigt das Risiko für Zervixkarzinom nicht an.

Auch die Überprüfung des therapeutischen Vorgehens (beobachtendes Abwarten oder Gewebeentfernung aus dem Muttermund) ergab, dass es sich bei der letzteren (der sofortigen Schlingenkonisation) um eine Übertherapie handelt, die unter anderem ungünstige Auswirkungen auf spätere Schwangerschaften hat.

Dr. med. Karl Braun-von Gladiß, Arzt für Allgemeinmedizin