Müssen wir auf Milch verzichten ? - Von Werner Vontobel

Wir sind doch keine Kälber», sagt der Volksmund. Die Veganer lehnen Milch aus ethischen Gründen ab, und die Anhänger der Steinzeitdiät argumentieren, dass unsere gesunden Urahnen auch nie Milch getrunken hätten.

Doch es gibt auch sachliche Argumente: So litten etwa Ratten, die man mit dem Milcheiweiss Kasein fütterte, häufiger an Krebs. Die in der Milch enthaltenen gesättigten Fette lassen Arterien verkalken und Kalzium wird mit Herzkrankheiten in Verbindung gebracht. Ferner können viele Leute Milchzucker (Laktose) nicht verdauen, weil sie das dazu nötige Enzym namens Laktase nicht aktivieren können. Die Folge sind Blähungen und Darmschäden.

Kasein gegen Molkeeiweiss
Alle diese Beobachtungen beziehen sich bloss auf die einzelnen Bestandteile der Milch und nicht auf das ganze Produkt. So trifft es zu, dass reines Kasein – zumindest bei Ratten – Krebs fördert. In seiner viel beachteten «China Study» warnt deshalb der US-Biochemiker Colin Campbell eindringlich vor allen tierischen Eiweissen, einschliesslich Milch.

Doch diese enthält unter anderem auch Molke­eiweiss, das Krebs vorbeugt und damit die Wirkung des Kaseins aufhebt. Molke­eiweiss enthält auch viel Leuzin und hilft beim Aufbau von Muskeln – vor allem, wenn man es kurz nach dem Krafttraining zu sich nimmt.

Richtig ist auch, dass die in der Milch enthaltenen Phosphate und Milcheiweisse sauer sind und dem Körper tendenziell Mineralsalze entziehen. Leiden Frauen in den Wechseljahren in Ländern mit hohem Milchkonsum deshalb eher unter brüchigen Knochen beziehungsweise Osteoporose? Der Verdacht konnte inzwischen entkräftet werden: Erstens zeigen diverse klinische Studien, dass Milch die Knochen tendenziell stärkt. Zweitens verliert die erwähnte Studie ihre statistische Aussagekraft, wenn andere Faktoren berücksichtigt werden. Ein statistischer Zusammenhang zwischen Milchkonsum und MS konnte bisher (noch) nicht entkräftet werden. Also Vorsicht.

Der Verdacht, dass die in der Milch enthaltenen gesättigten Fette Arteriosklerose verursachen, hat sich ebenfalls nicht erhärtet. Gemäss einer der zahlreichen einschlägigen Studien senkt ein hoher Milchkonsum das Risiko eines Herzinfarkts um 69 Prozent.

Ist Rohmilch besser?
Alle diese Studien gelten für den Konsum «normaler», also pasteurisierter und homogenisierter Milch. Bei der Erhitzung wird unter anderem das für die Knochenbildung wichtige Laktoferrin ebenso zerstört wie das Enzym Laktase, das für die Verdauung des Milchzuckers (Laktose) benötigt wird. Auch die Fettpartikel werden durch die Homogenisierung entscheidend verändert.

Vor dem Zweiten Weltkrieg haben zahlreiche Studien die gesundheitlichen Vorzüge der Rohmilch eindeutig belegt. Zurzeit läuft eine neuere Studie. Viele Käsesorten, wie etwa Greyerzer, werden aus Rohmilch hergestellt. Käse hat zudem den Vorteil, dass die Laktose durch die Fermentation bereits weitgehend abgebaut worden ist. Rohmilch, Rahm und Rohmilchkäse werden deshalb oft auch von Leuten problemlos verdaut, deren Därme wegen der Laktase beim Trinken von «normaler» Milch rebellieren.