Zurück ins Mittelalter
Christiane Fux

Die Wunderwaffe Antibiotika wird zunehmend stumpf. Anlässlich des Weltgesundheitstages warnen Experten vor einer weltweiten Krise

Als Alexander Flemming 1928 per Zufall das erste Antibiotikum entdeckte, wurde das Medikament als Wundermedizin gepriesen. Zu recht: Vormals tödliche bakterielle Infektionen wie Syphilis, Tuberkulose oder auch Wundinfektionen verloren mit der Entwicklung dieser Medikamente ihren Schrecken. Die Lebenserwartung der Menschen schnellte in die Höhe. Doch nun droht die Wunderwaffe stumpf zu werden: Resistente Erreger, denen Antibiotika nichts mehr anhaben können, sind weltweit auf dem Vormarsch.
Verspielte Chance auf Heilung

"Unsere Botschaft ist laut und deutlich: Wenn wir nicht jetzt handeln, steht der Welt ein post-antibiotisches Zeitalter bevor, in der es für Infektionen keine Heilung mehr gibt und Bakterien wieder ungehindert töten", erklärt Margaret Chan, Präsidentin der Weltgesundheitsorganisation WHO, anlässlich des Weltgesundheitstages am 7. April. Der Menschheit droht ein Rückfall ins medizinische Mittelalter.

In der Riege der resistenten Erreger machen multiresistente Krankenhauskeime wie MRSA die größten Schlagzeilen. Tatsächlich sterben nach den Angaben der WHO-Europazentrale in Kopenhagen jedes Jahr 25.000 Menschen in Europa an antibiotikaresistenten Bakterien. Oft haben sich die Patienten während einer Behandlung im Krankenhaus infiziert.
Die Rückkehr der Tuberkulose

Dennoch sind die Krankenhauskeime erst die Spitze des Eisbergs: Insbesondere Tuberkulose wird immer schwieriger zu behandeln. "Im vergangenen Jahr sind weltweit eine halbe Million Menschen an multiresistenten Tuberkuloseerregern erkrankt, ein Drittel von ihnen ist daran gestorben", berichtet Chan. Und auch der Kampf gegen die Kindersterblichkeit durch Durchfallerkrankungen werde immer problematischer.

Die Entwicklung von Resistenzen ist ein natürlicher biologischer Prozess, der früher oder später jedes Medikament schwächt. So überleben immer wieder einzelne Bakterien die Therapie. Sie verfügen über Gene, die sie vor dem Medikament schützen und geben diese an ihre Nachkommen weiter - ein resistenter Stamm entsteht.
Sorgloser Umgang mit wertvollen Arzneien

Dieser Prozess aber wird durch den sorglosen Umgang mit Antibiotika erheblich beschleunigt. Dazu gehört auch die oft unnötige Verschreibung der Medikamente durch Ärzte. Hinzu kommt, dass viele Patienten die Therapie abbrechen, sobald sie sich besser fühlen. Das aber erhöht die Chance, dass einzelne Mikroben die medikamentöse Attacke überleben und sich weiter vermehren. Eine verstärkte Aufklärung der Öffentlichkeit aber auch der behandelnden Ärzte könnte das Problem eingrenzen.

Besonders bedenklich ist zudem, dass Antibiotika in vielen Ländern nicht verschreibungspflichtig sind - die Patienten verordnen sie sich einfach selbst. "Das zu unterbinden, wäre ein wesentlicher Schritt, um die weitere Entwicklung von resistenten Erregern zu verlangsamen", erklärt Chan.

Seuchenherd Viehzucht
Eine zusätzliche Brutstätte für resistente Keime ist die Viehzucht. In manchen Ländern verschwindet die Hälfte der Antibiotikaproduktion in Tiermägen. In anderen Regionen verdienten Tierärzte bis zu 40 Prozent ihres Einkommens durch die Verschreibung von Antibiotika, warnt die WHO-Präsidentin. Damit sinke die Motivation für einen verantwortungsvollen Umgang erheblich. "Wenn Antibiotika für die Nahrungsmittelproduktion eingesetzt werden, entstehen resistente Erreger, die auf den Menschen überspringen können", sagt Chan.

Die Organisation fordert daher die Staatengemeinschaft auf, den Einsatz von Arzneimitteln strenger zu kontrollieren, und die Forschung für neue Medikamente zu intensivieren. Chan mahnt: "Der Verlust essenzieller Medikamente, die Millionen Menschen das Leben retten sollen, wäre die nächste weltweite Katstrophe. Das können wir uns einfach nicht erlauben.